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Khereddin-at-Tunisi
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Khadija Offline
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Khereddin-at-Tunisi
Tuneisen hatte als erstes islamisches Land und sogar vor manchem europäischen Land, wenn auch nur für kurze Zeit, eine moderne Verfassung.

Bereits unter Ahmed Bey erfuhr das partiell fremdstämmige administrative Personal, das teilweise aus Mameluken bestand, eine moderne Ausbildung an der 1840 gegründeten Bardo-Schule. Dieser Modernisierungsprozeß mündete unter seinem Nachfolger Muhammad as-Sadiq Bey im Jahre 1857 in ein organisches Gesetz, Ahd al-aman, und 1861 in eine Verfassung, die den Staatsbürger und den modernen Staat definiert.

Die Reformbestrebungen, die eine Zeitlang aufgrund von Finanzschwierigkeiten unterbrochen werden mußten, wurden 1873 dank des außergewöhnlichen Staatsmannes Khereddine at-Tunisi, der zwischen 1873 und 1877 Premierminister war, fortgesetzt. Khereddine, der nicht nur Staatsmann, sondern auch politischer Theoretiker war, wurde zwischen 1820 und 1825 geboren; er verfolgte das Anliegen, eine prinzipielle Vereinbarkeit von traditioneller politischer Theorie des Islam, wie sie in den Begriffen der Scharia überliefert ist, und den modernen politischen Prinzipien auszumachen, die im damaligen Europa, vornehmlich in Frankreich, vorherrschten. Sehr aufschlußreich ist seine Definition des als unumstritten verstandenen Grundrechts des Bürgers auf seine persönliche Freiheit:

„Sie bedeutet die völlig freie Verfügung (itlaq tasarruf) des Menschen über sich selbst und über sein Eigentum, sowie die Sicherheit von Person, Ehre und Hab und Gut. Mit seinesgleichen besteht vor dem Gesetz Gleichberechtigung, so daß niemand um seine Person oder um seine übrigen Rechte besorgt sein muß. Er wird wegen keiner Sache belangt, die durch die von den Parlamenten beschlossenen Gesetze des Landes nicht vorgesehen wird. Grundsätzlich binden die Gesetze Regierende und Bürger (Untertanen) gleichermaßen. Freiheit in diesem Sinne existiert in allen europäischen Staaten mit Ausnahme des Papststaates und des Moskowitischen Staates; denn diese beiden sind im Blick auf das Regierungssystem Despotien. Zwar besitzen diese beiden Staaten definitive Gesetze. Diese genügen jedoch nicht, um die Rechte der Nation (Umma) zu schützen, da ihre Durchführung vom Willen des Monarchen abhängt.“ (Khereddine at-Tunisi. „Aqwam al-masalik fi ma`rifat al mamalik“. (Dt.: Die Freiheit in den Staaten Europas und ihre Vorteile für den Aufschwung der Nation (1867)). Der politische Auftrag des Islam: Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Originalstimmen aus der islamischen Welt. Hrsg. Andreas Meier. Wuppertal: Peter Hammer, 1994, S. 68f.)

Ebenso äußert er sich zur politischen Freiheit:
„Sie ist die Aufforderung an den Untertanen, an den politischen Dingen des Staates teilzunehmen und zu prüfen, wie das Gemeinwohl des Staates am besten verwirklicht wird. Dies ist dem vergleichbar, was der zweite Kalif Omar mit seinem Ausspruch gemeint hat: ‚Wer von euch an mir eine Krümmung sieht, der soll sie gerade machen!‘ Das heißt, eine ungesetzliche Abweichung in seinem Stil, die politischen Belange der Umma (Nation) zu regeln.(...)“ (Khereddine at-Tunisi, a.a.O., S. 69)

Nach Khereddines Rückzug aus den Staatsgeschäften im Jahre 1877 wurde der Reformprozeß erneut unterbrochen.
02.02.2011 15:41
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